Nadine Heinemann

Elternbegleitung im Kreis Lippe dezent und effektiv

März 2026

Nadine Heinemann ist Diplom-Pädagogin und koordiniert seit 2025 das Projekt „Elternbegleitung – ein Meilenstein in einer Präventionskette“ im Rahmen des ESF Plus-Programms „ElternChanceN - mit Elternbegleitung Familien stärken“. Zuvor leitete sie das Projekt „Elternchance – Starke Netzwerke für geflüchtete Familien“ von 2017 bis 2020, sowie Internationale Eltern-Kind Gruppen über die Brückenprojekte NRW. 

In einem erneuten Gespräch spricht sie über ihre Arbeit und die Wirkung von Elternbegleitung.

Frau Heinemann, was hat Sie zur Elternbegleitung geführt, und was motiviert Sie an dieser Arbeit?

Seit 2017 bin ich bei den Frühen Hilfen des Kreises Lippe in der Elternbegleitung tätig. Vorher habe ich in der Erwachsenenbildung und im Jobcenter gearbeitet, wo ich Bildungsmaßnahmen koordinierte. Bei meiner Arbeit war mir wichtig, den Menschen im persönlichen Kontext zu helfen, vor allem Alleinerziehenden. Der Ansatz war, die ganze Lebenssituation zu betrachten und erst dann gemeinsam Lösungen zu entwickeln. Diese Perspektive habe ich in die Elternbegleitung übertragen. Es geht immer darum, zu schauen, wo die Ressourcen der Familien liegen, diese zu fördern, sowie ein Bewusstsein für Eigenverantwortlichkeit zu schaffen. 

Was ist das Besondere an Ihrer Arbeit mit Eltern im Programm „ElternChanceN“?

Wir arbeiten mit einem sehr dezenten, aber effektiven Ansatz. In den letzten sechs Monaten haben wir viel über die Bedürfnisse der Eltern erfahren. Unsere Workshops und mobilen Angebote zielen darauf ab, Eltern zu stärken, ohne sie zu bevormunden. Wir möchten ihnen zeigen, wie sie ihre Kinder gut fördern können, ohne dabei zu belehrend zu sein. Es geht um die Stärkung der Elternrolle und das Vertrauen in das eigene Bauchgefühl.

Welche Rolle spielt Beziehungsarbeit in Ihrem Projekt?

Beziehungsarbeit ist absolut zentral und essentiell für die Arbeit mit unseren kooperierenden Akteuren sowie ganz besonders bei der Arbeit mit den Familien.

In unseren Workshops lernen Eltern, wie sie mit ihrem Kind spielen können – nicht nur, um das Kind zu beschäftigen, sondern auch um die Beziehung zu stärken. Oft haben Eltern wenig Vertrauen in sich selbst. Es reicht schon, wenn wir die kleinsten Erfolge anerkennen und loben. Das ist ein großer Teil unseres Ansatzes: Familien zu zeigen, dass sie mehr können als sie glauben. „Es ist egal, was in der Familie los ist, wir müssen kleinste positive Verhaltensweisen ihrem Kind gegenüber stärken und loben, loben, loben.“ Manche Familien bzw. Eltern haben so viel Frustrations- und „Bewertungserfahrung“ und trauen ihrem eigenen Bauchgefühl nicht. Dann wird auch mal der Krankenwagen gerufen, wenn das Kind in die Brennnesseln fällt. Genauso arbeiten wir, es geht immer darum, zu gucken, wo sind die Stärken, wo sind die Ressourcen, was kann die Familie selber tun. Natürlich sprechen wir auch über die Problematiken – immer mit dem Ansatz: „Hilfe zur Selbsthilfe“.

Unsere Workshops sind niederschwellig, im Arbeitstitel positiv formuliert und orientieren sich an der Elternstärkung. Wir sprechen Themen an, die viele Eltern beschäftigen, wie „Grenzen setzen, Regeln einhalten“, „Kratzen, Beißen, Schlagen“. Wenn wir einen Workshop durchführen würden, der „Kratzen, beißen, schlagen“ hieße, würde kaum jemand erscheinen. Daher werden diese Themen gezielt und im Kontext nebenbei besprochen. Die Kitas machen auf unsere Workshops aufmerksam und sprechen die Eltern direkt an. Die Resonanz ist sehr positiv. Darüber hinaus haben wir die Möglichkeit, aus den Workshops heraus denjenigen Familien unser mobiles Angebot Elternbegleitung anzubieten, welche intensive Unterstützung im Einzelfallkontext benötigen, z.B. bei einer Diagnosestellung oder Antragstellung.

Wir möchten Eltern in ihrer Verantwortung dem Kind gegenüber stärken und klar machen, dass sie die einzige verlässliche Konstante im Leben eines Kindes sind. Kinder erleben viele Wechsel von Bezugspersonen in Kita und Grundschule, Brüche oder Veränderung von Freundschaften. Daher ist es so wichtig Eltern zu vermitteln, dass sie die Hauptpersonen im Leben ihres Kindes sind, die dem Kind Sicherheit und Verlässlichkeit geben. Das ist ein so wesentlicher Faktor, damit Kinder mit Zuversicht aufwachsen können. Daher ist es so wichtig, das Bewusstsein hierüber zu schaffen. Viele Eltern tun dies bereits, aber eben nicht alle.

Welchen Einfluss hat die enge Vernetzung im Kreis Lippe auf Ihre Arbeit?

Wir, die Frühen Hilfen, sind sehr gut vernetzt: mit dem ASD, der Familienberatungsstelle, dem Kommunalen Integrationszentrum und vielen anderen Fachstellen. Diese enge Zusammenarbeit ermöglicht es uns, schnell auf die Bedürfnisse der Familien einzugehen. Wir haben in den letzten Jahren viel an einem institutionellen Schutzkonzept gearbeitet und können so frühzeitig reagieren und Fälle gezielt begleiten.

Wie wird die Elternbegleitung in bestehende kommunale Strukturen integriert?

In unseren Auftaktveranstaltungen haben wir alle Kitaleitungen und Tagesmütter sowie die zuständigen Fachgebietsleitungen der beiden Modellkommunen eingeladen, Elternbegleitung vorgestellt und gefragt: Was braucht ihr vor Ort? Was brauchen Eltern vor Ort? Wir haben ganz klar gemacht: Elternbegleitung ist ein ergänzendes und kein redundantes oder belehrendes Angebot - wir wollen Ressourcen bei den Eltern stärken. 

Die Integration in die Präventionskette ermöglicht uns, frühzeitig in die Familien zu gehen und konkret zu schauen, wo der Unterstützungsbedarf liegt. Innerhalb des Teams Frühe Hilfen haben wir zahlreiche Angebote, an die wir verweisen können. Darüber hinaus sind wir auch außerhalb unseres Teams sehr gut mit anderen Fachdiensten vernetzt. Elternbegleitung arbeitet daher nicht isoliert, sondern innerhalb eines großen Netzwerks. 

Was sind die größten Herausforderungen bei der Umsetzung von Elternbegleitung?

Elternbegleitung als niederschwelliges Angebot ist zunächst offen für alle Familien mit kleinen Kindern bis zum Grundschulalter. Manche Fälle im Rahmen der Elternbegleitung beginnen mit Herausforderungen, die gut zu bewältigen sind und entwickeln später zum Teil sehr schwierige Fallkomplexitäten. In diesem Fall muss geprüft werden, ob Elternbegleitung als Präventivangebot noch wirken kann. Die Elternbegleiterinnen bauen oft eine starke Beziehung zu den Familien auf, dass es ihnen teilweise schwerfällt, den Absprung zu schaffen. Die Überleitung in ein anderes Unterstützungssystem stellt in diesem Fall eine besondere Herausforderung dar. Auch der „reguläre Fallabschluss“ für die Familie, aber auch für die Elternbegleitung ist sehr wichtig und muss ebenso klar formuliert werden, wie die klare Zielstellung, mit der die Elternbegleitung in der Familie tätig ist.

Die größte Herausforderung ist es, die richtige Balance zu finden zwischen individueller Unterstützung und den vielfältigen Angeboten im Netzwerk. Es darf keine Redundanzen geben, aber es muss trotzdem alles ineinandergreifen. Besonders herausfordernd ist es, wenn auch andere Fachdienste in den Familien tätig sind, insbesondere unter dem Aspekt Datenschutz oder Fallverantwortung. Diese Zusammenarbeit kostet viel Zeit, aber sie ist notwendig, um wirklich effektiv an den Familien zu arbeiten.

Wie sehen Sie die Zukunft der Elternbegleitung?

Die Elternbegleitung wird weiterhin eine zentrale Rolle in der Präventionsarbeit spielen. Besonders die Gestaltung von Übergängen – etwa von der Kita zur Grundschule – ist ein wichtiger Bereich, in dem wir mit unseren mobilen Angeboten und Workshops unterstützen können.

Fazit:
Elternbegleitung hat sich als dezent und effektiv erwiesen. Durch den ressourcenorientierten Ansatz und die enge Vernetzung mit anderen Fachstellen unterstützt das Projekt Familien in ihrer Entwicklung und stärkt die Rolle der Eltern. 

Zum Projekt-Steckbrief: https://elternchancen.de/kreis-lippe

Das Gespräch führte Julia Hartwig-Selmeier von der Servicestelle ElternChanceN.

 

 

 

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