Karin Golomb

Praxisbeispiel aus dem Arbeitsalltag der Elternbegleitung in der Grundschule

August 2026

Karin Golomb ist die Projektkoordinatorin und qualifizierte Elternbegleiterin im Projekt „EQUAL E Elternbegleitung im Quartier lebendiges Erbach“ im Familienhilfezentrum Homburg des AWO Landesverbands Saarland e.V.. Die Kooperationspartner sind zwei Grundschulen: Langenäcker Homburg und Luitpold Homburg. 

Dieses Gespräch ist ein Praxisbeispiel, das zeigt, wie Elternbegleitung Familien bei der Bildungswegbegleitung sowie bei Bildungsübergängen ihrer Kinder unterstützen kann. 

Ihr Projektstandort ist bereits seit der ersten Förderphase des Programms „ElternChanceN – mit Elternbegleitung Familien stärken“ dabei. Welche Bedarfe haben die Familien in Erbach und welche Angebote setzen Sie im Projekt „EQUAL E Elternbegleitung im Quartier lebendiges Erbach“ um?

Oft geht es bei Familien in Erbach um die Begleitung im Bildungssystem. Vielen Familien ist nicht klar, welche Rolle Eltern in Kita und Schule einnehmen. Häufig besteht auch Klärungsbedarf zum Thema frühkindliche Bildung in Kitas, also „warum spielt mein Kind im Kindergarten nur“. Die Übergänge von zuhause in die Kita (Anmeldung) oder in die Grundschule (Materialien, Schulbuchausleihe etc.) sind auch Themen, die begleitet werden. Vor allem Familien ohne Kitaplatz erhalten durch uns die Chance, sich durch unsere Angebote auf den Schuleintritt vorzubereiten.

Außerdem haben die Elternbegleiterinnen und Elternbegleiter eine Lotsenfunktion. Es gibt glücklicherweise recht viele Hilfs- und Bildungsangebote für Familien in unserer Region. Allerdings ist es oft nicht einfach, dass die Familien ihren Weg dorthin finden.

Auch die Vernetzung der Eltern untereinander gelingt durch unsere Angebote für die ganze Familie oder unsere bedarfsorientierten Angebote, wie dem Sprachtreff für Frauen, die Krabbelgruppe oder den Alleinerziehendentreff. 

Für die Eltern in Erbach ist vor allem der niedrigschwellige Zugang wichtig. Das heißt, Elternbegleiterinnen und Elternbegleiter sind präsent an Orten, an denen sich Familien aufhalten. Durch uns erhalten Eltern auf einfachstem Weg Informationen, die genau auf ihre Bedarfe ausgerichtet sind über verschiedene analoge und digitale Kanäle.

Welche Vorteile für die begleiteten Familien und die Kommune sehen Sie in der Zusammenarbeit mit den beiden Grundschulen im Projekt, und welche thematischen Schwerpunkte werden dabei angesprochen?

Die Arbeit von EQUAL E ermöglicht Familien vorhandene Angebote im Quartier wahrzunehmen. Die bestehenden Präventionsketten der Kommune werden so optimal genutzt. Bedarfe der Familien werden durch die enge Zusammenarbeit erkannt und gegebenenfalls für die Familien in Angeboten von den Elternbegleiterinnen und Elternbegleitern aufgegriffen. Durch die Kooperation mit den Grundschulen erreichen wir auch Familien, die keinen Kitaplatz haben. Somit können auch diese Familien durch unsere Angebote ihre Kinder auf die Schule vorbereiten oder zu entsprechenden Stellen weitergeleitet werden. Auch werden besondere Bedarfe der Familie rechtzeitig erkannt und können bereits vor dem Schulstart adressiert werden. Da wir Familien auch zu Behörden begleiten, werden Mitarbeitende vor Ort entlastet und Vorgänge können schneller bearbeitet werden. 

Das pädagogische Personal an den Grundschulen erfährt die Anliegen der Familien auf direktem Weg. Somit erhält EQUAL E durch die enge Zusammenarbeit den direkten Familienkontakt und die Mitarbeitenden der Schule erfahren Entlastung. 

Der Schwerpunkt der Elternbegleitung ist die Gestaltung von Umbrüchen und Übergängen. In den Grundschulen treffen wir auf alle Familien im Quartier. Die Familie als erster Bildungsort wird durch die individuelle Begleitung wertgeschätzt und gestärkt.

Elternbegleitung schafft kurze Wege vom Problem zur Lösung, von der Familie zum passenden Angebot und vom Kind zum Bildungsweg. 

Praxisbeispiel als dem Alltag einer Elternbegleitung: Bildungsübergänge begleiten

Es ist Einschulung an der Grundschule. Ein aufgeregtes Summen, wie in einem Bienenstock. Es ist eine Menge los. Alle haben sich schick gemacht für den besonderen Tag. Die neuen Erstklässlerinnen und Erstklässler werden von ihren Eltern, Paten, Großeltern und vielen anderen lieben Menschen unterstützt, um den wichtigen ersten Schritt in die Schule zu gehen. Es ist ein Neustart, ein Umbruch, der viele Veränderungen mit sich bringt. Nicht nur für die Kinder wird es ein anderer Alltag werden, auch die Eltern und die ganze Familie muss sich umgewöhnen: Der Tagesrhythmus wird ein anderer. Jeden Morgen beginnt der Tag recht früh, keine Ausnahmen mehr. Die Schule beginnt pünktlich, der Ranzen muss gepackt sein. Ist die Brotdose drin? Sind die Hausaufgaben gemacht? Auch die Nachmittage bringen ihre Herausforderungen mit sich: Freizeitaktivitäten und Hausaufgaben, auch mal Ausruhen vom anstrengenden Vormittag, vielleicht die Eingewöhnung in FGTS oder Hort. Der Fokus liegt nun mehr auf Leistung. Alle spüren den schulischen Druck, aber auch die neuen Freiheiten und das Selbstständig werden der Kinder. 

Das sind alles Schritte, bei denen die Kinder begleitet werden müssen. Und zwischen diesen Hochs und Tiefs, welche die Familien in dieser Zeit erleben, gibt es auch mich, die Elternbegleiterin, die den Familien zur Seite steht. Und so stehe ich nun im munteren Trubel der Einschulung und freue mich darüber das aufgeregte Treiben zu beobachten. Neben mir bemerke ich eine Familie mit zwei Kindern, die sich suchend umschaut und schließlich auf die Schuldirektorin zugeht. Es wird viel gestikuliert, ich vernehme das Wort „Kindergarten“. Ich stelle mich zur Gesprächsrunde dazu. Die Direktorin erwähnt kurz, dass es wohl um einen Kindergartenplatz für den jüngeren Sohn der Familie geht. Ich frage, ob ich mich der Familie annehmen darf, damit die Schulleiterin sich weiter um die Einschulung kümmern kann. Ich wende mich der Familie zu und erkläre mithilfe meines Handyübersetzers, wer ich bin. Wir tauschen Telefonnummern aus und so kommt es, dass Familie K ein Teil des Projektes EQUAL E wird.

Dies ist ein Beispiel dafür, wie Familien auf einfache Weise, ohne bürokratische Hürden Begleitung auf dem Bildungsweg ihrer Kinder erhalten. Nicht nur die Eltern werden dabei unterstützt, auch das pädagogische Personal der Schule erfährt Entlastung bei den vielfältigen Aufgaben, die in der Schule täglich auf sie zukommen. 

Wie ging es nun weiter bei Familie K? Die Familie ist neu in unserem Land und in unserem Bildungssystem. Die sprachlichen Barrieren werden überwunden. Mit Gestik und Mimik und dem Handyübersetzer sowie mit Freundlichkeit, Respekt und Humor, wenn es auch mal zu Missverständnissen kommt, lassen sich die Bedarfe der Familie klären. Meine Kollegin nimmt Kontakt zu der Familie auf. Sie begleitet die Mutter zu den Kitas der Umgebung, um ihr Kind dort anzumelden. Das Kind ist schon 5 Jahre alt. Es ist also dringend erforderlich, dass eine schnellstmögliche institutionelle frühkindliche Bildung erfolgt, um einen guten Schulstart zu ermöglichen. Schließlich erhält das Kind recht zügig einen Platz in einer unserer Netzwerk-Kitas. Doch der Start ist nicht einfach. Das Konzept der Eingewöhnung muss der Familie nahegebracht werden und schon bald fällt auf, dass der Junge mehr Unterstützung braucht, um sich in der Kita zu entwickeln. Der Plan: eine schnellstmögliche Testung, um Frühförderung zu erhalten. Auch diesen Weg begleitet EQUAL E sehr eng. Die Funktion der Elternbegleiterin ist es, der Familie Sicherheit zu vermitteln und eine Schnittstelle zwischen Ärztin, Frühförderstelle, Kita und Familie zu sein. Die Mutter entwickelt ein vertrauensvolles Verhältnis zu ihrer Elternbegleiterin und zeigt dies auf ihre Art, meistens indem sie immer für das leibliche Wohl ihrer Begleiterin sorgt. Doch es kommt zu Komplikationen bei der Eingewöhnung. Dem Kind werden die Kitabesuchszeiten gekürzt. Die Eltern fühlen sich nicht verstanden. Sie wollen doch das Beste für ihr Kind und dass es schnell lernt. Die Familie schließt daraus, dass Kita „nur spielen“ ist und hofft auf eine baldige Einschulung des Kindes. 

Also wird in Koordination mit allen Beteiligten ein sogenannter „runder Tisch“ terminiert. Der Elternbegleiterin ist aber klar, dass das kulturell bedingte Missverständnis von der frühkindlichen Bildung in diesem Bildungssystem behoben werden muss, damit das Kind bestmögliche Unterstützung erhält. Die Familie fühlt sich abgewiesen, die Kita bemängelt fehlende Mitarbeit der Familie. Doch durch das große Netzwerk von EQUAL E, gelingt es der Elternbegleiterin einen Sprach- und Kulturmittler zu der Besprechung hinzuzuziehen. Bei diesem sehr intensiven Gespräch kommt es zur Klärung diverser Angelegenheiten. Zum einen kann geklärt werden, dass die Bildung in der Kita eine unersetzliche Grundlage für die Schulbildung darstellt und zum anderen wird auch mit der anwesenden Lehrerin die Beschulung des älteren Kindes besprochen und dringende Fördermaßnahmen ermittelt. Denn auch der Schule wird nun sehr deutlich, dass es nicht an der fehlenden Mitarbeit der Eltern liegt oder gar an Ignoranz der Familie gegenüber den Pädagoginnen und Pädagogen, sondern dass es sich um eine Reihe von Missverständnissen und fehlendem Wissen über das hiesige Bildungssystem handelt. Die Familie befindet sich auf einem Weg, der nicht immer einfach ist, aber sie kann darauf vertrauen, dass es jemanden gibt, der sie begleitet. Die Eltern sind engagiert und kümmern sich um die Förderung ihrer Kinder und sie wissen, wo sie sich hinwenden, wenn der Weg zu steinig wird: EQUAL E – Elternbegleitung im Quartier lebendiges Erbach.

Zum Projekt-Steckbrief: https://elternchancen.de/homburg 

Das Gespräch führte Liliana Sagan von der Servicestelle ElternChanceN.

 

 

 

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