Johannes Felz

Brücken bauen zwischen Kita, Schule und Familie – Wie Elternbegleitung in Trier Bildungschancen verbessert

Oktober 2025 

Seit zweieinhalb Jahren begleitet Johannes Felz Familien im Übergang von der Kita in die Grundschule. Im Interview spricht der Projektkoordinator von ElternChanceN in Trier über die Bedeutung einer offenen Schulleitung, warum ein Elterncafé mehr sein kann als nur ein Treffpunkt – und wieso Elternbegleitung das Schulsystem entlasten und gleichzeitig gerechter machen kann.

Das ElternChanceN-Projekt in Trier besteht seit der ersten Förderphase. Waren Sie von Beginn an im ElternChanceN-Projekt?

Ich bin im Projekt als Elternbegleiter gestartet und seit eineinhalb Jahren Projektkoordinator. Wir sind mit dem Projekt seit drei Jahren im Trierer Stadtteil Mariahof aktiv und möchten unser Gebiet in der zweiten Förderphase erweitern.

Seit Beginn der ersten Förderphase arbeiten wir mit der Grundschule im Stadtteil zusammen und erleben eine große Offenheit für unsere Arbeit seitens der Schule. Akzeptanz, Relevanz und Wertschätzung bzgl. Elternbegleitung ist sehr davon abhängig, wie Schulleitung und Lehrkräfte Elternarbeit verstehen und umsetzen wollen. Aufgrund der Neuartigkeit des Projektes in der Stadt Trier, bestanden zunächst noch Unsicherheiten im Netzwerk. Es hat einige Monate gedauert, bis die meisten Akteurinnen und Akteure den Mehrwert unserer Arbeit erleben und erkennen konnten. Mittlerweile ist die Wertschätzung groß und wir haben unsere Rolle in der sozialen Arbeit des Stadtteils gefunden und eingenommen.

In der Erkundungsphase des Projektes war der Kontakt zu den Einrichtungen besonders wichtig. Zu Beginn bestanden zunächst keine Zugangsmöglichkeiten zu Eltern bzw. Familien. Die Grundschule hat uns, wie auch Kita, Jugendtreff und Hort, erste Türen geöffnet. Wir haben an Veranstaltungen teil genommen und durften in deren Begegnungsräumen präsent sein.

Wie kann das System Schule von Elternbegleitung profitieren?

Bei der Vielzahl an Aufgaben, mit denen Lehrkräfte konfrontiert sind, kann Elternbegleitung Hilfestellung bieten und dabei unterstützen, gewisse Herausforderungen mit Eltern anzugehen. Zum Beispiel solche, die in der Schule beim Tür- und Angelgespräch erkannt, aber aus Kapazitätsgründen nicht angegangen werden können. Es gibt Fälle, in denen es für Lehrkräfte schwer ist, die Elternseite kommunikativ zu erreichen und bestimmte Problemlagen zu lösen. Andersherum sind die Kommunikationswege zu den Lehrkräften in Schulen oft nicht niedrigschwellig genug. Lehrkräfte haben außerdem selten ausreichend zeitliche Kapazitäten, um für Eltern unterstützend wirksam zu sein.

Elternbegleitung kann gewisse Probleme lösen. Die Zusammenarbeit mit anderen Einrichtungen und die daraus entstehende Multiprofessionalität hat viele Vorteile und kann bisher ungedeckte Bedarfe bedienen. Ich sehe es auch als Aufgabe des Schulsystems, Bildung nicht nur formal, sondern ganzheitlich zu betrachten und Benachteiligungen aufgrund der sozialen Herkunft von Kindern und Jugendlichen u.a. durch gute Elternarbeit abzubauen. 

Im Stadtteil gibt es ein Elterncafé, an dem alle Einrichtungen teilnehmen - Grundschule, Hort, Kita, Jugendtreff, Gemeinwesenarbeit und wir. Der Grundschule ist klar, dass sie von solchen Angeboten profitieren kann. Das Elterncafé ist ein wichtiger Begegnungsort für Familien und Grundschule. Die Klassenlehrerinnen und -lehrer geben Eltern Bescheid, wenn Sie beim Elterncafé dabei sind. Dann gibt es die Möglichkeit, individuelle Themen zu besprechen. Ein bis zwei Lehrkräfte nehmen meist am Elterncafé und am Austausch teil. Das ist eine gute Gesprächs- und Kontaktmöglichkeit in einer lockeren Umgebung abseits von Elternsprechtagen.

Die Öffnung in den Sozialraum ist nur möglich, da die Schule es als wichtiges Angebot betrachtet und den Mehrwert kennt.

Gibt es Schulsozialarbeit an der Grundschule Mariahof?

Ja, die gibt es. Die Umsetzung der Schulsozialarbeit ist immer standort- und konzeptabhängig, weshalb auch Elternarbeit unterschiedlich gehandhabt und gewichtet wird. Ein Großteil der Kapazitäten ist aber auch hier für die interne Arbeit mit den Schülerinnen und Schülern gebunden. Wir haben einen engen Kontakt mit der Schulsozialarbeiterin, sprechen uns bzgl. möglicher Fälle ab und Familien werden bei Bedarf an uns vermittelt. Es ist für uns wichtig darzustellen, wie sich Elternbegleitung von Schul- oder Kitasozialarbeit abgrenzen und eine zusätzliche Rolle einnehmen kann. 

Elternbegleitung legt den Fokus auf die Arbeit mit Eltern, kann einrichtungsübergreifend und meist unabhängig arbeiten. Sie kann mit Familien über einen langen Zeitraum arbeiten, während Zuständigkeiten von einrichtungsabhängigen Sozialarbeitenden bspw. durch einen Einrichtungswechsel oder Bildungsübergang beendet werden. 

Das hilft den Einrichtungen auch enorm, weil wir einen Kenntnisstand über die Familiensituationen haben, die sich die Einrichtungen sonst erst über einen gewissen Zeitraum erarbeiten müssen. Derzeit sind wir zu viert im Team, was uns sehr flexibel macht. Wir können Hausbesuche machen, Eltern zu Terminen oder Behördengängen begleiten und uns ganz den familiären Herausforderungen widmen. Die Unabhängigkeit und der Gedanke des einrichtungsübergreifenden Arbeitens sollte meiner Meinung nach auch bei einer möglichen Verstetigung des Angebotes oder einer Angliederung an eine Einrichtung möglichst erhalten bleiben. Im Bezug auf Schule kann ich mir Elternbegleitung zum Beispiel sehr gut im Kontext von Familiengrundschulzentren vorstellen.

Gibt es in Trier ein Familiengrundschulzentrum?

In Trier selbst gibt es kein Familiengrundschulzentrum, aber im erweiterten Umkreis. Etwa 40 Kilometer von Trier entfernt, in Wittlich, gibt es das Familiengrundschulzentrum „FamOS“. Ich konnte selbst noch keine Einblicke vor Ort gewinnen, aber die Mariahofer Grundschule ist sehr interessiert und war bereits mit Vertreterinnen dort. In unserem Netzwerk ist das durchaus ein Thema, das für gut befunden wird und das man sich langfristig auch in Mariahof vorstellen kann.

Ich wünsche mir generell, dass wir gewisse Strukturen für Elternbegleitung verstetigen können . Was noch interessant ist: Unsere Grundschule ist im Startchancen-Programm. Das ist ein weiterer Schritt hin zum Abbau sozialer Benachteiligungen von Schülerinnen und Schülern.

Jetzt haben wir viel über Elternbegleitung an Grundschule gesprochen. Wie ist die Gewichtung? Begleiten Sie mehr Familien in Kita oder mehr Familien in Grundschule?

Es ist recht ausgeglichen. Wir begleiten z.B. Familien mit Geschwisterkindern in beiden Einrichtungen. Familien haben je nach Einrichtung unterschiedliche Bedarfe. Mit dem Wechsel in die Grundschule, mit dem ersten wirklichen Bildungsübergang, kommen oft Unsicherheiten bzgl. des Bildungssystems auf. Da bestehen viele Ängste – wie wird das jetzt? Kommt mein Kind zurecht? Kann sich mein Kind an das komplett neue Umfeld gewöhnen? Im Laufe des ersten Schuljahres und besonders auch im Abschlussjahr kommen verschiedene Themen auf. Die Grundschulzeit ist prägend, weshalb die Unterstützung von Familien hier besonders wichtig sein kann.

Ein Teil des Bildungsauftrages wird durch Hausaufgaben und Lernen zuhause automatisch in das familiäre Umfeld übertragen. Für mich persönlich entsteht hier ein Bruch bei der Gleichberechtigung bzgl. Bildungschancen. Der schulische Erfolg ist damit auch davon abhängig, welche Lernumgebung und Unterstützung die Familie bietet. Studien zeigen, dass der Bildungsstand der Eltern die Bildungschancen der Kinder stark beeinflusst. So entsteht teilweise eine Übertragung des Bildungsstandes über Generationen hinweg. Die Familien dabei zu unterstützen eine förderliche Lernumgebung zu schaffen und trotz begrenzter Möglichkeiten die Bildung der Kinder zu fördern, das ist eine wichtige Aufgabe der Elternbegleitung.

Machen Sie im Rahmen der Elterncafés Angebote zur Förderung der alltagsintegrierten Bildung? 

Wir haben im Stadtteil eine gute Infrastruktur an Angeboten durch die Gemeinwesenarbeit und das Ehrenamt. Beispielsweise bieten zwei Seniorinnen regelmäßig Stunden für Kinder mit schulischen Schwierigkeiten an. Ehrenamtliche Strukturen und bürgerschaftliches Engagement sind ein ganz wichtiger Bestandteil und sollten weiter gefördert werden.

Wir haben regelmäßig Bildungsangebote in Form von Workshops und Freizeitangeboten, die einen niedrigschwelligen Bildungsaspekt beinhalten. Unser Träger, der Palais e.V., hat ein Angebot der Jugendberufshilfe, in die wir vermitteln können. Dort ist auch einer unserer Elternbegleiter tätig. In Trägerschaft des Palais e.V. gibt es außerdem ein Projekt für Grundbildung, welches auch in Mariahof stattfindet. Wir kooperieren mit dem Projekt. Im nächsten Monat findet zum Beispiel ein Familienpicknick mit einer Vorleseaktion statt.

Haben Sie in der zweiten Förderphase im ESF Plus-Programm ElternChanceN seit dem 1. Juni 2025 neue Partner in Ihrem Netzwerk?

In unserem aktuellen ElternChanceN-Standort Mariahof ist das Netzwerk relativ konstant geblieben. Wir möchten unser Projekt in der zweiten Förderphase auf einen weiteren, wesentlich größeren Stadtteil Triers erweitern. Dort zeigt sich eine andere Infrastruktur. Im neuen Stadtteil haben wir vier Kitas und zwei Grundschulen. Da wird sich zeigen, wie abhängig der Erfolg von Elternbegleitung vom Standort ist. Wir werden Erfahrungswerte sammeln.

Wir drücken Ihnen die Daumen, dass Elternbegleitung an weiteren Schulen Fuß fassen kann. Herzlichen Dank für das Gespräch. 

Zum Projektsteckbrief: www.elternchancen.de/trier  

Das Gespräch mit Johannes Felz führte Julia Hartwig-Selmeier von der Servicestelle ElternChanceN. Wenn Sie uns Ihre Perspektive auf Elternbegleitung mitteilen möchten, freuen wir uns über Ihre Kontaktaufnahme via E-Mail an elternchancenprotect me ?!stiftung-spiprotect me ?!.de.

 

 

 

 

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