Sabrina Putschandl

Sprüht vor Begeisterung

Dezember 2023

Sabrina Putschandl ist Netzwerkkoordinatorin beim RAA Berlin e.V. im Projekt „Elternbegleitung in Friedrichshain-Kreuzberg“ im ESF Plus-Programm „ElternChanceN“.

Auf der Fachveranstaltung „Bilanz und Zukunft elterlicher Bildungsbegleitung“ im Oktober 2023 im Bundesfamilienministerium hat sie Antworten auf folgende ihr gestellte Fragen gegeben:

Wie lassen sich Familien für Elternbegleitung begeistern?

Eine Kollegin, die seit vielen Jahren sehr erfolgreich als Elternbegleiterin arbeitet, brachte einmal einen O-Ton eines Elternteils aus einer Gruppe mit zurück ins Team. Sinngemäß besagte dieser, dass es für die – von Hause aus eher schüchterne – Person eine große Freude war, in einer Dialogrunde mit anderen Eltern sprechen zu können und das Gefühl zu haben, dass ihr wirklich zugehört wird. Das war ein herausstechendes Ereignis für sie – und ich glaube, sehr viele Eltern und Familien wünschen sich genau dieses Gefühl: dass ihnen tatsächlich zugehört wird und sie als Eltern ernst genommen werden.

Genau das kann Elternbegleitung und das ist es auch, was mich persönlich für Elternbegleitung begeistert. Denn, ganz ehrlich: Der öffentliche Diskurs übers Elternsein ist manchmal enttäuschend. Klischees, Schuldzuweisungen und eine leicht übergriffige „So-sollten-die-das-machen“-Haltung sind bei weitem noch nicht verschwunden. Ein Blick, eine Bemerkung – und schon hat man wieder eine Bewertung abbekommen. Im Zweifelsfall von einer Person, die nicht einmal dieselben Erfahrungen teilt, sei es die Verantwortung für Kinder zu haben oder von gesellschaftlicher Ausgrenzung oder Diskriminierung betroffen zu sein.

Zurück zur Frage: Wie lassen sich Familien für Elternbegleitung begeistern?

Meine Gegenfrage wäre: Wie kann man eigentlich ohne Elternbegleitung arbeiten?

Elternbegleitung muss alle begeistern, denn sie ist der Dreh- und Angelpunkt, die Brücke zwischen allen Menschen, die im Kontext Bildung mit Kindern und Familien befasst sind. Elternbegleitung ist nah bei den Eltern und bei den Einrichtungen, dennoch in ihrer Rolle unabhängig. Sie ist mehrperspektivisch und ermöglicht die Sicht von außen genauso wie das Verständnis von innen.

Sie kann bei Prozessen begleiten, bei denen Familien sonst häufig auf sich gestellt sind, obwohl es um wichtige Meilensteine in der Entwicklung des Kindes geht. Elternbegleitung macht den ersten Schritt und kommt zu den Familien. Sie muss sie nicht anhand vermeintlicher Defizite zu Klient:innen machen, sondern ist ressourcenorientiert und sieht individuelle Bedarfe. Elternbegleitung als Prävention sollte als Selbstverständlichkeit im kommunalen Unterstützungssystem gelten.

Die Verantwortung für ein Kind oder mehrere Kinder ist von Beginn an verbunden mit vielen Emotionen und Fragen. Haufenweise Organisation, Informationsbeschaffung und Logistik lassen nicht lange auf sich warten. Ich stelle mir gerne vor, wie die Logistikabteilungen großer Unternehmen vor Neid erblassen müssten bei dem, was Familien tagtäglich leisten.

So beginnt die Reise einer Familie von der Schwangerschaft und Geburt zum ersten Lebensjahr, zu ersten Angeboten, in die Kita, in die Schule, in Freizeitangebote usw. Das ist die Reise, bei der wir alle, die wir im pädagogischen und sozialen Bereich arbeiten – als Multiplikator:in, als Fachkraft, als Ehrenamtliche – die Familien begleiten sollten. Denn hier sind die Fragen, das Rätselraten, die Unsicherheiten. Nicht, weil „DIE Eltern… (an dieser Stelle käme ein beliebiges Klischee)“, weil „DIE Eltern“ halt irgendwie nicht funktionieren, nein: Eltern versuchen in aller Regel ihr Bestes für das Wohl ihrer Kinder.

Doch der Weg durch die Bildungseinrichtungen mit allen angedockten Angeboten, Möglichkeiten und Notwendigkeiten ist einfach nichts, was sich von selbst erklärt. Im Übrigen niemandem und in keiner Sprache, aber noch mehr dann, wenn beispielsweise mehrsprachige Unterstützung fehlt oder es nur schriftliche Erläuterungen gibt. Die Hürden sind da, und nicht selten sind sie auch sehr hoch.

Wie finde ich einen Kitaplatz? Soll mein Kind dieses Jahr eingeschult werden oder nicht?

Antrag für ergänzende Förderung und Betreuung, was ist das jetzt und wo soll ich das hinschicken? Sind die Angebote in diesem Familienzentrum wirklich für mich gedacht, kann ich mich mit meinem Kind dort sicher vor Diskriminierung fühlen? Wem kann ich mal ein paar Fragen stellen, die für mein Gefühl nicht so dringend sind, dass ich extra ein Elterngespräch vereinbaren will, die mich aber dennoch einfach nicht loslassen? Wem kann ich vertrauen, wer versteht mich und wieder: Wer hört mir wirklich zu?

Elternbegleitung muss ein fester Bestandteil in der Bildungslandschaft sein: individuell, flexibel und passgenau, verbindlich und vertrauensvoll, macht- und diskriminierungskritisch.

Den Steckbrief des Projektes Elternbegleitung in Friedrichshain-Kreuzberg können Sie online einsehen unter www.elternchancen.de/berlin-friedrichshain-kreuzberg

 

 

 

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