Nadine Hustig
#mittelsachsen
Januar 2026
Nadine Hustig arbeitet im Landratsamt Mittelsachsen in der Abteilung Jugend und Familie und koordiniert seit Sommer 2025 das Projekt „Netzwerke Elternbegleitung Mittelsachsen Nord/Süd“.
Im Gespräch erzählte sie uns von ihrem beruflichen Werdegang und ihrer Sichtweise auf Familien in besonderen Lebenslagen – von der Arbeit im Justizvollzug über die Kinder- und Jugendhilfe bis hin zu ihrer aktuellen Rolle als Koordinatorin im ElternChanceN-Projekt im Landkreis Mittelsachsen. Sie sprach auch über ihre ersten Monate im Projekt, ihre Erfahrungen, Erkenntnisse und Entwicklungen „im Amt“.
Seit dem 11. August 2025 ist Nadine Hustig Teil des Projektes Netzwerke Elternbegleitung Mittelsachsen Nord/Süd, das in der ersten Förderphase (2022-2025) des ESF Plus-Programms "ElternChanceN - mit Elternbegleitung Familien stärken" ins Leben gerufen wurde. Seit Beginn der zweiten Förderphase (2025-2028) koordiniert sie die Aktivitäten im Landkreis Mittelsachsen Nord/Süd. Das Projekt war ihr bereits vor ihrer Koordination bekannt, da sie zuvor mit einem Vorhabenträger in Kontakt war. Dieser Austausch war für sie ein entscheidender Pluspunkt im Vorstellungsgespräch, da sie das Projekt bereits in der Praxis erleben konnte.
Ein Teilvorhabenträger hatte die clevere Idee der „Kekse auf Rädern“: Ein Elternbegleiter fährt mit einem Lastenrad durch Döbeln, besucht Spielplätze und bietet mit Seifenblasen und Keksen niedrigschwellige Gesprächsanlässe, um mit Eltern ins Gespräch zu kommen. Damals war Nadine Hustig privat unterwegs, heute koordiniert sie das Netzwerk Elternbegleitung im Landkreis Mittelsachsen hauptamtlich.
Dank der guten Aufbauarbeit in der ersten Förderphase funktioniert die Zusammenarbeit heute hervorragend, und die Angebote können gut verstetigt werden. In vielen Kindertageseinrichtungen ist die Elternbegleitung bekannt, und es gibt klare Ansprechpersonen für pädagogische Fachkräfte in Problemfällen. Gemeinsam mit Einrichtungen und Leitungspersonen hat sie das Potenzial des ElternChanceN-Projektes besprochen.
Für Nadine Hustig bedeutet Verstetigung die Bekanntheit des Projektes. Häufig übernimmt Elternbegleitung eine Lotsenfunktion. Die eigentliche Beratung erfolgt in spezialisierten Beratungseinrichtungen, da für einzelne Beratungen keine Kapazitäten im Projekt bestehen. Der Landkreis zeigt großes Interesse an den Frühen Hilfen, die durch intensive Netzwerkarbeit die Zusammenarbeit verbessern wollen. Die mitwirkenden Träger in der Familienbildung profitieren von ihrer langjährigen Präsenz auf dem Markt und können neue Angebote schnell an Familien vermitteln.
Sie koordinieren seit Sommer 2025 das ElternChanceN-Projekt im Landkreis Mittelsachsen. Was war Ihr beruflicher Werdegang und welche Ziele verfolgen Sie?
Ich habe Diplom-Sozialpädagogik studiert und begann meine berufliche Laufbahn im Justizvollzug in der Justizvollzugsanstalt Torgau. Danach war ich in der Erwachsenenbildung tätig und verbrachte lange Zeit in einer intensivtherapeutischen Kinder- und Jugendwohngruppe, bevor ich erneut in den Justizvollzug zurückkehrte, diesmal in der Sozialtherapie. Das Arbeitsfeld war therapeutisch sehr anspruchsvoll und von intensiver Einzelfallarbeit geprägt – dort gibt es keine ‚leichten Delikte‘.
Mein berufliches Credo lautet: Ich muss hinter dem stehen, was ich tue. Ich möchte mit Leidenschaft arbeiten – andernfalls brauche ich es nicht zu tun.
Mein beruflicher Werdegang passt gut zu ElternChanceN. Ich erinnere mich an die Worte meiner damaligen Anstaltsleitung - "Hätten unsere Gefangenen die Erziehung genossen, die wir genossen haben, wären sie heute nicht hier.“
Elternbegleitung eröffnet Eltern neue Perspektiven. Nur weil Eltern auf eine Förderschule gingen, muss das Kind nicht den selben Weg gehen. Elternbegleitung kann Scham und Scheu abbauen und den Eltern helfen, den ersten Schritt in die richtige Richtung zu gehen.
Die dialogische Ausbildung der Elternbegleitung finde ich besonders gelungen. Es ist beeindruckend zu sehen, wie gut Eltern abgeholt werden. Ich bin Systemtherapeutin, und diese Haltung war ein absoluter Game-Changer für mich. Besonders wertvoll war der Austausch mit dem Konsortium Elternchance – der Dialog ist immer respektvoll und ressourcenorientiert. Es geht darum, zu erkunden, wo weitere Anknüpfungspunkte möglich sind.
Wie erlebten Sie Ihre ersten Monate im ElternChanceN-Projekt? Welche Erfahrungen haben Sie gemacht?
Wir formulieren gezielt adressatengerecht und verwenden bewusst eine einfache, klare Sprache. Der größte Erfahrungsschatz, den wir gewonnen haben, ist, dass Fachwörter oft nicht weiterhelfen. Wenn Eltern sagen: ‚Mein Kind schreit, was kann ich tun?‘, dann trifft das genau den Punkt. Mit einfacher Sprache erreichen wir die Eltern, die wir unterstützen wollen.
Wir möchten auch weiterhin mit Familien in Kontakt bleiben und haben viele Ideen, um Gespräche zu fördern, z.B. ganz aktuell mit einer Pop-up-Hütte: Wir sind auf dem Weihnachtsmarkt in Freiberg vertreten, um die Angebote des Landkreises bekannt zu machen und uns als nahbare Anlaufstelle zu präsentieren. Wenn das Gesicht hinter einer Institution bekannt ist, fällt es den Menschen leichter, Kontakt aufzunehmen.
Was möchten Sie in der zweiten Förderphase des Projektes erreichen?
Ein großes Ziel ist es, die Elternbegleitung auch in den Horten und Grundschulen zu verankern. In Döbeln konnte die Elternbegleitung bereits an zwei Horten andocken. In den kommenden Jahren möchten wir noch mehr Präsenz zeigen und weitere Eltern gewinnen.
Wir haben in Sachsen ein internes Netzwerk gegründet, initiiert von Bettina Götze, der Koordinatorin des ElternChanceN-Projektes in Dippoldiswalde. Der Austausch ist sehr konstruktiv und wir profitieren sehr voneinander. Das nächste Treffen findet im März 2026 in Auerbach statt. Es ist wichtig, dass wir auch das Scheitern nicht scheuen – „Versuch und Irrtum“ gehören zum Leben dazu.
Welche Veränderungen wünschen Sie sich für das Projekt?
Ich würde mir wünschen, dass mehr Aufgeschlossenheit und Kommunikation stattfinden – dass alle bereit sind, über den Tellerrand hinauszublicken und Unterstützungsmöglichkeiten anzunehmen. In manchen Kindertageseinrichtungen erlebe ich eine gewisse Verschlossenheit, als ob externe Hilfe eine Bedrohung für die eigene Professionalität darstellt. Das ist sehr schade, da es den Zugang zu wertvollen Ressourcen einschränkt. Wenn ein zusätzliches Angebot eingebracht wird, ist das im Sinne der Eltern und Kinder. Gute Beispiele gibt es schon in der Willkommensstruktur.
Das Gespräch mit Nadine Hustig führte Julia Hartwig-Selmeier von der Servicestelle ElternChanceN.
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