Monika Janzer

Die "Deutsche Liga für das Kind e. V." als starke Lobby für Kinder

September 2026

Seit dem 1. Juni 2026 sind Sie Redakteurin bei der Fachzeitschrift „frühe Kindheit“ – einer Zeitschrift der „Deutschen Liga für das Kind e.V.“. Seitdem sind 100 Tage vergangen – herzlichen Glückwunsch zu diesem Meilenstein. 
Was ist Ihre einprägsamste Erinnerung aus Ihrer frühen Kindheit? Mögen Sie diese mit uns teilen?

Diese Frage wird häufig in pädagogischen Workshops gestellt und meine Antwort teile ich gern mit Ihnen. Ich könnte sogar mehrere darauf geben. Eine davon hat mit einem Mirabellenbaum zu tun. Ich bin in einem Dorf direkt am Bodensee aufgewachsen. Die Straße, in der ich mit meinen Eltern lebte, war noch nicht vollständig bebaut und so gab es neben unserem Haus eine Wiese mit vielen Obstbäumen. Darunter eben auch der genannte Mirabellenbaum. Der Baum war für mich einfach zu erklettern und hatte viele Äste. In meiner Vorstellung war er ein Haus und seine Äste die Räume, also Wohnzimmer, Esszimmer, Küche usw. Wenn mir langweilig war oder ich für mich sein wollte, kletterte ich auf den Baum. Ich saß einfach nur da, lauschte den Geräuschen und beobachtete die Welt außen durchs Blätterwerk. Dieser Baum war ein Ruheort. Hier konnte ich ganz für mich und bei mir sein.

In welchem Lebensalter endet die frühe Kindheit? Gibt es einen harten Cut oder ist es vielmehr eine Übergangsphase?

Es gibt verschiedene Ansätze in der Pädagogik und Entwicklungspsychologie. Eng gefasst, ist darunter die Lebensspanne von der Geburt bis zum dritten Lebensjahr gemeint, weiter gefasst von Geburt bis zum sechsten Lebensjahr. Was die Fachzeitschrift „frühe Kindheit“ anbelangt, fokussieren wir die Altersgruppe von null bis sechs Jahren, wobei wir das auch nicht so streng nehmen. Ganz aktuell hat die „Deutsche Liga für das Kind e. V.“ Stellung zum Rechtsanspruch auf Ganztagsförderung genommen und nimmt damit auch Kinder im Grundschulalter in den Blick.

Die Zeitschrift „frühe Kindheit“ ist im deutschsprachigen Raum eine der wichtigsten Stimmen für Kinderrechte, Kinderschutz und frühkindliche Bildung. 
Wer ist Ihre Fokuszielgruppe? Sind es Fachkräfte, Eltern und Multiplikatorinnen oder ist das gar nicht so festgelegt?

Die Zeitschrift ist interdisziplinär angelegt. Sie richtet sich an alle Personen, die mit Kindern von 0 bis 6 Jahren in irgendeiner Form Berührungspunkte haben. Das sind neben Eltern beispielsweise Kinderärztinnen und Kinderärzte, Menschen, die in der Kinder- und Jugendhilfe arbeiten, also etwa im Jugendamt, alle, die in den Frühen Hilfen beschäftigt sind, Hebammen, Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter, Sozialpädagoginnen und Sozialpädagogen und pädagogische Fachkräfte, die mit Kindern arbeiten. Das können auch Ehrenamtliche sein. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die an Hochschulen tätig sind, zählen ebenfalls zur Zielgruppe. Auch Juristinnen und Juristen, also Familienrichterinnen und Anwälte, die Kinder vertreten. Die Fachzeitschrift soll den Transfer von der Wissenschaft in die Praxis ermöglichen und Themen, die Kinder betreffen, in den Diskurs einbringen.

Sie haben gerade zu 80 Prozent das Netzwerk der Elternbegleitung aufgezählt. Genau die Akteure, die Sie zuerst genannt haben, sind diejenigen, die sich im Spektrum rund um Familien im Netzwerk Elternbegleitung befinden und je nach Bedarfen und Bedürfnissen der Eltern in das Hilfesystem integriert werden.
Mich interessiert der Blick hinter die Kulissen: Wie planen Sie die Themen? Sie haben den Anspruch, nahe an den Bedarfen der Kinder dran zu sein. Ein gutes Gespür ist relevant, die wissenschaftliche Nähe haben Sie angesprochen. Wie setzen Sie Ihre Agenda?

Die Programmplanung findet einmal im Jahr statt, dann werden die Themen für das kommende Jahr festgelegt. Die „Deutsche Liga für das Kind e. V.“ ist von der Grundstruktur her zusammengesetzt aus vielen Mitgliedern, einem Kuratorium, einem Vorstand und einer Geschäftsführung. Als Redakteurin und Diplom-Pädagogin sammle ich deren Themen, lese viele Newsletter und Social-Media-Kanäle, Fachliteratur und bin in der frühkindlichen Bildung gut vernetzt. Das ist ein kontinuierlicher Prozess.

Ich beobachte und befrage Kinder und deren Eltern aus meinem direkten persönlichen Umfeld.  Schön wäre es natürlich, wenn wir das im größeren Umfang leisten könnten, um dem partizipativen Anspruch gerecht zu werden. Bei der „Deutschen Liga für das Kind e. V.“ arbeiten zudem Kolleginnen und Kollegen an Projekten, die der Fachzeitschrift ebenfalls Themen liefern, zum Beispiel zur digitalen Bildung, zur Frage „Wie informieren sich Eltern?“ und an den Präventionsprogrammen „Kindergarten plus“ und „START ab 2“.

Es ist eine Mischung aus Beobachtung von Praxis, wissenschaftlichem Diskurs und gesamtgesellschaftlichen Entwicklungen: Wie gestaltet sich Kindheit heute? Welche Aufgaben und Themen ergeben sich daraus? Was greifen andere Verbände und Medien auf? 

Aus dieser Gemengelage wähle ich zusammen mit dem Beirat vier Themen für das nächste Jahr aus – immer mit Blick auf bildungspolitische und gesamtgesellschaftliche Themen und interdisziplinär gedacht. Die „Deutsche Liga für das Kind e. V.“ hat schon lange das Wahlrecht für Kinder auf der Agenda. Aufgrund der gesamtgesellschaftlichen Entwicklung könnte ich mir vorstellen, dass das ein Thema sein könnte.
Das seelische Wohlergehen und die seelische Entwicklung von Kindern führen wir als Kinderrechtsorganisation seit Gründung mit, auch dieses Thema hat viele verschiedene Aspekte: Was bedeutet die Institutionalisierung von Kindheit? Wie steht es um den Schutz von Kindern? Es ist zu beobachten, dass bei immer mehr Kindern die Entwicklung gefährdet ist. Pädagogische Fachkräfte nehmen Kinder heute als herausfordernder wahr. Diese Wahrnehmung ist differenzierter zu betrachten und steht im Zusammenhang mit gesellschaftlichen Entwicklungen. Es stellen sich Fragen wie beispielsweise: Wie wachsen Kinder heute auf? Welche Möglichkeiten haben sie, sich zu entwickeln? Welche Räume bieten wir Kindern für ein gutes Leben?

So wie sich Kindheit weiterentwickelt, entwickelt sich der gesellschaftliche Blick auf Kindheit weiter. Die Gesellschaft ist sensibilisierter, es gibt viel mehr Diagnostik als vor 10 oder 15 Jahren. Die Entwicklung insgesamt ist interessant. Kinder wachsen mit einem anderen Mindset auf, ein Nachteilsausgleich ist nicht zwingend ein Stigma, sondern wird auch als Privileg wahrgenommen.
Sie haben es bereits angesprochen: Zuvor waren Sie 18 Jahre Chefredakteurin im Verlag Herder und haben die Zeitschriften „Entdeckungskiste“ und „Unser Ganztag“ gemacht, sind also schon lange in der frühen Bildung unterwegs. Unterscheiden sich die aktuellen Themen stark von früheren Themen?

Die Zeitschrift „Entdeckungskiste“ folgt einem anderen Ansatz und richtet sich nur an pädagogische Fachkräfte, die in der Praxis tätig sind. Letztendlich geht es in dieser Zeitschrift um Methodik und Didaktik für die Arbeit in Kitas. In den 2000er Jahren sind in den Bundesländern Bildungspläne entstanden, die einen großen Hype und Aufschwung ausgelöst haben. Jetzt frage ich mich: Was ist jetzt noch davon übrig? Die Fachzeitschrift „frühe Kindheit“ ist in Bezug auf die Zielgruppe viel größer als die Zeitschrift „Entdeckungskiste“, geht tiefer in die Themen hinein und ist wissenschaftlicher ausgerichtet. Die Zeitschrift soll für die „Deutsche Liga für das Kind e. V.“ eine Öffentlichkeit schaffen und Themen setzen, die in anderen Medien zu wenig Beachtung finden und verfolgt konsequent den Blick auf das Kind und dessen Rechte.

Die „Deutsche Liga für das Kind e.V.“ ist die Lobby für Kinder. Haben Sie den Eindruck, dass die Stimme für das Kind laut genug ist?

Wir sind eine Stimme unter vielen, aber eine wichtige. Insgesamt findet die Lobby für Kinder in unserer Gesellschaft zu wenig Gehör. Aktuell gibt es so viele Krisen, dass die Themen Kindheit und Bildung leider viel zu schnell in den Hintergrund geraten. Kinder können sich in der Öffentlichkeit nicht selbst vertreten, deshalb müssen wir Erwachsene das tun. Der Soziologe und Bildungsforscher Aladin El-Mafaalani schafft es als einer der wenigen gut, Kindheitsthemen öffentlich zu platzieren. Die Bildungsexpertin Ilse Wehrmann aus Bremen, Erziehungswissenschaftlerin Rahel Dreyer aus Berlin oder der Pädagoge Wassilios Fthenakis aus München sind ebenso in den Medien präsent. 

Sie haben es eingangs angesprochen, dass Sie auf aktuelle Entwicklungen eingehen. Welche Rolle spielen jüngste Veröffentlichungen – beispielsweise die PISA-Studie?

Die Ergebnisse der aktuellen PISA-Studie sind erschreckend und alarmierend. Sie bestätigen erneut die Bildungsungerechtigkeit unseres Schulsystems und zeigen auf, wie wichtig frühkindliche Bildung ist. Wenn wir als Gesellschaft viel stärker in die ersten zehn Lebensjahre eines Kindes investieren würden – also in Kitas und Grundschulen –, dann wären bessere Ergebnisse zu erwarten. Die „Deutsche Liga für das Kind“ greift solche Studien natürlich in ihrer Arbeit auf und bezieht dazu Stellung. 

Am 20. September ist Weltkindertag. Das Gespräch mit Monika Janzer von der „Deutschen Liga für das Kind in Familie und Gesellschaft e.V.“ wird anlässlich des Weltkindertages veröffentlicht. Herzlichen Dank für Ihre Zeit und Perspektive.

Deutsche Liga für das Kind e.V. www.liga-kind.de 

Das Gespräch führte Julia Hartwig-Selmeier von der Servicestelle ElternChanceN. Die Servicestelle ist angesiedelt bei der Stiftung SPI. Die Stiftung SPI ist eine intermediäre Instanz zwischen Politik, Verwaltung und Praxis. Der Geschäftsbereich Strategien sozialer Integration versteht sich als Fachinstitut und Wissensknotenpunkt mit dem Anspruch, Wissen zu teilen, fortzuschreiben und zu vermitteln. 

 

 

 

Schließen

Cookiehinweis

Elternchancen.de verwendet Cookies, um ein reibungsloses Funktionieren unserer Plattform zu gewährleisten (technisch notwendige Cookies). Darüber hinaus bitten wir um Ihre Zustimmung zur Verwendung von Cookies zu Analysezwecken und Verbesserung der Plattform (statistische Cookies).