Maxi Schmidt
Starkes Team für belastete Familien im Kiez
Mai 2026
Maxi Schmidt ist stellvertretende Leiterin des Berliner Familienzentrums Schivelbeiner Straße (Stützrad gGmbH) in Berlin-Prenzlauer Berg. Wir sind uns beim Fachtag der Berliner Familienzentren begegnet, der jährlich im Sozialpädagogischen Fortbildungsinstitut Berlin-Brandenburg (SFBB) stattfindet.
Maxi, du bist qualifizierte Elternbegleiterin. Wie war dein beruflicher Werdegang?
Ich bin seit acht Jahren bei Stützrad, einem großen Träger im Bereich Frühe Hilfen in Berlin. Frühe Hilfen waren schon im Studium mein Steckenpferd. Ich habe mich damals intensiv mit Familienzentren beschäftigt und fand das Feld sehr spannend. Über meinen Träger bin ich dann auf die Qualifizierung zur Elternbegleiterin aufmerksam geworden.
Was erinnerst du von der Qualifizierung Elternbegleitung?
Sie war sehr intensiv. Ich habe die Qualifizierung während der Corona-Zeit hybrid gemacht, mit einem Präsenztreffen in Apolda. Die beiden Fortbildnerinnen und Fortbildner haben das großartig gestaltet – auch online, was ich so nicht erwartet hätte. Es war tatsächlich die einzige Fortbildung in diesem Format, die mich so erreicht hat.
Besonders in Erinnerung geblieben sind mir die Dialogische Haltung und die Gesprächsregeln, die uns sehr anschaulich vermittelt wurden. Auch die Gruppe war angenehm und vielfältig zusammengesetzt. Ein Satz, der mich begleitet, ist: „Ich fasse mich kurz und spreche von Herzen.“
Was sind aktuelle Themen und Herausforderungen im Familienzentrum?
Familie ist immer ein Spiegel der Gesellschaft und der politischen Lage. Sie ist besonders vulnerabel – je nach vorhandenen Ressourcen. In unserem Familienzentrum in Prenzlauer Berg/Pankow erreichen wir sehr unterschiedliche Familien. Viele Themen sind zeitlos: Eltern kommen zu uns, um sich in ihrer neuen Rolle zu orientieren – als Mütter und Väter, im ersten Jahr mit dem Kind. Es geht darum, wie man gut zusammenfindet, wie Kinder begleitet werden können – etwa beim Einschlafen oder in Entwicklungsphasen.
Auch Themen wie Kindeswohlgefährdung spielen eine Rolle, ohne dass sie ständig präsent sind. Wir arbeiten mit sehr unterschiedlichen Familien – mit hohem und geringem Einkommen, mit und ohne Migrationsgeschichte. Gewalt zieht sich durch alle Schichten, nicht nur körperliche, sondern auch psychische und verbale Gewalt. Trennung ist häufig ein Thema, verschärft durch die Wohnraumsituation: Wohnraum ist knapp und teuer. Das führt dazu, dass Familien manchmal in belastenden Partnerschaften bleiben müssen, was Konflikte verstärken kann.
Besonders vulnerable Gruppen sind davon stärker betroffen, wodurch auch akute Notsituationen entstehen. Ein weiteres wichtiges Thema bei uns sind Familien, die von Neurodivergenz betroffen sind. Durch gekürzte Mittel können wir sie oft weniger begleiten, als wir es gerne würden.
Ich leite zum Beispiel eine Selbsthilfegruppe für Eltern mit Kindern im Autismusspektrum und ADHS. Vieles aus der Elternbegleiter-Ausbildung fließt dort ein: Wir arbeiten mit klaren Gesprächsregeln, nutzen strukturierende Elemente wie Karten oder Gegenstände. Ich habe gelernt, Stille auszuhalten, abzuwarten und Menschen ausreden zu lassen – das hilft mir sehr in der Gruppenleitung. Ähnlich ist das Setting in unserem Elternkurs „Gemeinsam durch die Wut“. Die Haltung hatte ich vielleicht schon vorher, aber durch die Ausbildung nutze ich sie heute bewusster.
Wie gehen Familien mit Belastungen um?
Das ist sehr unterschiedlich und hängt stark von den vorhandenen Ressourcen ab. Im besten Fall finden Familien den Weg zu uns. Dann können wir Teil des „Dorfes“ sein, das jede Familie braucht – und viele nehmen uns auch so wahr.
Wenn Familien Unterstützung brauchen, schauen wir gemeinsam, was möglich ist. Manche stellen konkrete Fragen, andere vermitteln wir weiter, wenn spezialisiertere Hilfe nötig ist. Es gehört auch zu meinem Job, Grenzen zu erkennen und transparent zu machen.
Wir sind ein vierköpfiges Team mit unterschiedlichen fachlichen Hintergründen: Sozialarbeit, Erziehungswissenschaft, Psychologie sowie verschiedene sprachliche und kulturelle Kompetenzen. Das ist eine große Stärke – und gleichzeitig haben wir klare Grenzen.
Unser Ansatz ist niedrigschwellig: Familien kommen ins Familiencafé oder in die Krabbelgruppe und erleben uns zunächst als offenen Ort. Im besten Fall entsteht Vertrauen, sodass sie sich auch mit anderen Anliegen an uns wenden. Das ist Beziehungsarbeit.
Wir haben außerdem eine Vätergruppe, angebunden an das Väterzentrum Berlin. Väter brauchen oft eine andere Ansprache, und Familien können frei wählen, welches Angebot sie nutzen möchten. Ich war als Kita-Sozialarbeiterin tätig. Natürlich erreichen wir vor allem die Familien, die zu uns kommen und sich zeigen. Mit unseren Möglichkeiten gelingt es uns manchmal auch, Themen wie Kindeswohl anzusprechen.
Du hast die Selbsthilfegruppe ADHS angesprochen. Inwieweit bist du Expertin geworden oder reicht es, den Raum zu öffnen und zu halten?
Beides. Ich habe den Anspruch, mir Wissen anzueignen. Gleichzeitig ist es unglaublich wertvoll, Räume zu schaffen. Ich halte den Raum und gebe ihn – als Zeit, als Ort, als Struktur. Es geht darum, Eltern in den Austausch zu bringen. Wer, wenn nicht sie selbst, bringt die größte Expertise mit? Gerade beim Thema Neurodivergenz haben viele eigene Erfahrungen. Da entsteht gerade etwas sehr Wertvolles.
Abschließend ein Lichtblick: Welche Momente machen deine Arbeit besonders?
Ich mag die Begegnung mit Menschen und die Möglichkeit, mich auf sie einzulassen. Besonders liebe ich die Krabbelgruppe: Ich weiß nie, wer kommt, und genau das macht es spannend. Ich gebe Raum und bringe Impulse ein – etwa zu Themen wie Mental Load, Emotional Load oder aktuelle gesellschaftliche Fragen.
Ich genieße es, kreativ zu sein und zu sehen, wie Eltern das annehmen. Beziehung und Verbindung sind für mich zentral. Ich begleite Familien beim Übergang in die Kita und erlebe, wie sich Freundschaften entwickeln.
Im „Update Elternbegleitung“ war neulich Thema, dass wenn ich mich selbst nahbar mache, Beziehungen entstehen können. Der Begriff „professionelle Distanz“ wird vom Begriff „professionelle Nähe“ abgelöst – unter Wahrung der Privatsphäre.
Ich empfinde meine Tätigkeit nicht nur als Arbeit. Ich entwickle mich weiter, erlebe Selbstwirksamkeit und kann etwas einbringen – das ist sehr wertvoll. Dabei bin ich mir meiner Doppelrolle bewusst.
Es ist wichtig, sich immer wieder zu fragen: Wie weit gehe ich? Gerade im Beratungskontext braucht es Klarheit über die eigene Rolle und gleichzeitig Authentizität. Beziehung entsteht auch durch Nähe – und das macht unsere Arbeit im Familienzentrum aus: Eltern zu ermutigen, indem wir in Beziehung gehen.
Hast du einen Abschlussgedanken zur Elternbegleitung?
Eines meiner liebsten Tools ist das Forumtheater – eine besondere Form der Fallarbeit. Ein Elternteil bringt eine Situation ein und übernimmt die Regie. Die Szene wird gespielt, und die Gruppe entwickelt Ideen zur Veränderung. Dann kann ein Elternteil eingreifen und eine neue Perspektive ausprobieren. Dieser Perspektivwechsel und die Vielfalt an möglichen Lösungen sind sehr bereichernd und eröffnen neue Handlungsspielräume.
Informationen zum Familienzentrum Schivelbeiner Straße:
www.stuetzrad.de/praevention/familienzentrum
Das Gespräch führte Julia Hartwig-Selmeier von der Servicestelle ElternChanceN.