Madlen Schüler

Über Umwege und Übergänge

Februar 2026

Elternbegleitung bedeutet, Familien in unterschiedlichen Lebenslagen passgenau zu unterstützen – und dabei auch neue Wege zu gehen. Genau diesen Ansatz greift unsere Interviewreihe „Perspektiven der Elternbegleitung“ auf. Dieses Interview basiert auf der Abschlussarbeit von Madlen Schüler im Rahmen ihrer Qualifizierung zur Elternbegleiterin. In ihrer Projektarbeit beschäftigte sie sich mit dem Übergang vom Kindergarten in die Grundschule in der thüringischen Stadt Mühlhausen und zeigt auf, wie Eltern in diesem sensiblen Lebensabschnitt informiert, begleitet und gestärkt werden können.

Madlen Schüler ist Mitarbeiterin bei DAS PRIORAT KULTUR UND SOZIALES gemn. e. V. und seit Juni 2025 Koordinatorin des ElternChanceN-Projektes „Familien mit Chancen – Elternbegleitung in Mühlhausen“. Die Qualifizierung zur Elternbegleitung hat sie im November 2025 beendet. Im Folgenden können Sie Ausschnitte ihrer Projektarbeit im Rahmen ihrer Qualifizierung zur Elternbegleiterin lesen. Die Projektarbeit hat zum Ziel, den “Weg von der Kita in die Schule” möglichst für alle beteiligten Akteure transparent und anschaulich darzustellen.

1. Der Übergang von der Kita in die Schule gilt als sensibler Lebensabschnitt für Familien. Welche Bedeutung hat dieser Übergang aus Ihrer Sicht – insbesondere für Familien in sozial herausfordernden Lebenslagen?

Der Übergang von der Kindertagesstätte in die Grundschule ist ein bedeutsamer Schritt im Leben eines Kindes und seiner Familie. Er ist mit vielen organisatorischen Anforderungen, Entscheidungen und Emotionen verbunden. Gerade für Familien in sozial herausfordernden Lebenslagen kann dieser Übergang sehr belastend sein. Unsicherheiten, fehlende Informationen, sprachliche Barrieren oder negative eigene Schulerfahrungen führen dazu, dass Eltern sich überfordert fühlen. Gleichzeitig ist der Schuleintritt ein prägender Moment, der gut begleitet und wertgeschätzt werden sollte, damit Kinder gestärkt und nicht verunsichert in ihre Schulzeit starten.

2. Sie arbeiten in einem Sozialraum mit besonderen sozialen und sprachlichen Herausforderungen. Welche konkreten Hürden erleben Familien dort im Zusammenhang mit Schulanmeldung und Einschulungsuntersuchung?

Der Sozialraum ist geprägt von einer hohen Arbeitslosigkeit, finanziellen Belastungen sowie großer kultureller und sprachlicher Vielfalt. Viele Eltern haben eingeschränkte Deutschkenntnisse, was das Verständnis von behördlichen Schreiben und Abläufen erschwert. Hinzu kommt ein vergleichsweise niedriges Bildungsniveau, wodurch Informationen zum Übergang von der Kita in die Schule oft nicht selbstständig erschlossen werden können. Besonders herausfordernd ist die Online-Terminvergabe für die schulärztliche Untersuchung, da nicht alle Familien über die nötigen technischen oder sprachlichen Kompetenzen verfügen.

3. In Ihrer Projektarbeit beschreiben Sie wiederholte Veränderungen im Einschulungsverfahren. Wie wirken sich diese strukturellen Änderungen auf die Orientierung und Sicherheit von Eltern aus?

Die mehrfachen Veränderungen im Verfahren zur Schulanmeldung und zur Einschulungsuntersuchung haben viele Eltern verunsichert. Informationen werden teilweise nicht mehr über die Kindergärten weitergegeben, sondern müssen eigenständig recherchiert werden. Dadurch fehlt vielen Familien der Überblick über Fristen, Zuständigkeiten und notwendige Schritte. Diese Unsicherheit führt dazu, dass Termine versäumt werden oder Eltern erst sehr spät Unterstützung suchen. Meine Projektarbeit ist genau aus dieser Beobachtung heraus entstanden, um Transparenz zu schaffen und Orientierung zu geben.

4. Welche Rolle spielt transparente und frühzeitige Information für Familien, und wie haben Sie versucht, diese im Rahmen Ihrer Projektarbeit barrierearm zugänglich zu machen?

Transparente und frühzeitige Information ist aus meiner Sicht entscheidend, damit Familien den Übergang aktiv gestalten können. Viele Eltern erfahren zu spät, dass wichtige Schritte wie die Schulanmeldung bereits sehr früh erfolgen müssen. Im Rahmen meiner Projektarbeit habe ich deshalb eine übersichtliche, visuell unterstützte Informationshilfe entwickelt, die alle relevanten Schritte und Termine bündelt. Diese Übersicht wurde bewusst klar und verständlich gestaltet und im Rahmen eines Elternabends erläutert, um auch Eltern mit sprachlichen oder kognitiven Hürden zu erreichen.

5. Sie haben gezielt den Austausch mit Eltern, Kindertageseinrichtungen, Schule, Gesundheitsamt und Landkreis gesucht. Warum ist diese Netzwerkarbeit aus Ihrer Sicht entscheidend für einen gelingenden Übergang?

Der Übergang von der Kita in die Schule betrifft viele unterschiedliche Institutionen, die jeweils nur einen Teil des Gesamtprozesses abbilden. Erst durch den Austausch mit allen beteiligten Akteurinnen und Akteuren konnte ich ein umfassendes Bild gewinnen. Die Netzwerkarbeit war entscheidend, um Informationslücken zu erkennen, Zuständigkeiten zu klären und die Übersicht fachlich abzusichern. Gleichzeitig wurde deutlich, dass fehlende Kommunikation zwischen den Institutionen dazu beitragen kann, dass Kinder im System „durchrutschen“.

6. In der Projektarbeit wurde deutlich, dass bestimmte Kinder – etwa sogenannte „Hauskinder“ – im Übergangssystem leicht übersehen werden können. Welche Bedeutung hat Elternbegleitung hier als präventive Unterstützung?

Kinder, die keinen Kindergarten besuchen, werden systemseitig nicht automatisch erfasst und können dadurch im Übergang zur Schule übersehen werden. Elternbegleitung hat hier eine wichtige präventive Funktion, indem sie Familien frühzeitig erreicht, informiert und sensibilisiert. Ziel ist es, dass alle Kinder – unabhängig von ihrer institutionellen Anbindung – gut vorbereitet in die Schule starten können und keine wichtigen Schritte versäumt werden.

7. Der Elternabend war ein zentrales Element Ihrer Projektarbeit. Welche Erfahrungen haben Sie dabei gemacht, insbesondere im Hinblick auf die Beteiligung, den Austausch und die Bedürfnisse der Eltern?

Der Elternabend hat gezeigt, wie groß der Bedarf an Austausch und Orientierung ist. Anfangs waren die Eltern noch zurückhaltend, doch durch interaktive Methoden und eine wertschätzende Atmosphäre entstand schnell ein lebendiger Dialog. Viele Eltern äußerten Erleichterung darüber, endlich einen klaren Überblick über den Ablauf zu haben. Besonders positiv war, dass Eltern ihre Fragen stellen und eigene Erfahrungen einbringen konnten, was zu gegenseitiger Unterstützung führte.

8. Viele Familien stehen vor zusätzlichen Belastungen, etwa durch sprachliche Barrieren, digitale Hürden oder Unsicherheiten im Umgang mit Behörden. Wie haben Sie diese besonderen Lebenslagen in der Elternbegleitung berücksichtigt?

Ich habe versucht, meine Sprache bewusst einfach und verständlich zu halten und Inhalte visuell zu unterstützen. Die Übersicht wurde so gestaltet, dass sie auch ohne umfangreiche Textkenntnisse Orientierung bietet. Gleichzeitig habe ich den persönlichen Austausch ermöglicht, um individuell auf Fragen einzugehen. Im Rückblick sehe ich die Notwendigkeit, die Materialien künftig in mehreren Sprachen anzubieten, um sprachliche Barrieren weiter abzubauen.

9. Welche Erkenntnisse haben Sie aus der Zusammenarbeit mit dem Gesundheitsamt, der Schule und weiteren Fachstellen gewonnen, insbesondere in Bezug auf Zuständigkeiten und Informationsweitergabe?

In den Gesprächen wurde deutlich, dass es strukturelle Grenzen in der Datenweitergabe gibt, etwa zwischen Einwohnermeldeamt, Schule und Gesundheitsamt. Diese Lücken erschweren eine vollständige Übersicht über alle einzuschulenden Kinder. Gleichzeitig habe ich erlebt, dass der Austausch auf persönlicher Ebene sehr wertvoll ist und dazu beiträgt, Abläufe besser zu verstehen. Die Zusammenarbeit hat gezeigt, wie wichtig klare Zuständigkeiten und regelmäßige Abstimmung sind.

10. Mit Blick in die Zukunft: Welche strukturellen Veränderungen oder Angebote halten Sie für notwendig, um Familien im Übergang von der Kita in die Schule langfristig besser zu begleiten und zu stärken?

Ich halte es für notwendig, Informationsangebote zum Übergang Kita–Schule dauerhaft zu etablieren und regelmäßig zu aktualisieren. Elternabende für Familien mit vierjährigen Kindern sollten fest in den Jahresablauf der Kitas integriert werden. Zudem sollten Materialien mehrsprachig und perspektivisch auch digital verfügbar sein. Die Arbeit des neu gegründeten Arbeitskreises „Übergang Kita – Schule“ sehe ich als große Chance, um Strukturen weiterzuentwickeln und langfristig zu verbessern.

Zum Projekt-Steckbrief  www.elternchancen.de/muehlhausen 

 

 

 

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