Brigitta Mölle
Interkulturelle Familienarbeit in der Stadt Menden
April 2026
Brigitta Mölle ist Elternbegleiterin und arbeitet in der Abteilung Jugend und Familie im Team Familienförderung der Stadt Menden im Sauerland.
In dem Gespräch möchten wir anderen Fachkräften der Elternbegleitung Mut machen und ein bisschen Handwerkszeug vermitteln, wie Ressourcen für Elternbegleitung geschaffen werden können – am Beispiel ihres Weges in Menden.
Sie haben es geschafft, dass in der Stadt Menden seit 2021 ein eigenständiges Büro für Elternbegleitung existiert und sogar eine Planstelle dafür eingerichtet wurde. Wie ist es Ihnen gelungen, Entscheidungsträger von der Bedeutung der Elternbegleitung zu überzeugen?
Ich habe 1997 angefangen, bei der Stadt Menden zu arbeiten und habe viele Jahre in unterschiedlichen Kitas gearbeitet. Mein Schwerpunkt war von Beginn an die Arbeit mit Familien mit Migrationsgeschichte.
Ab 2018 habe ich für das Bundesprogramm Kita-Einstieg zunächst in Teilzeit und später in Vollzeit gearbeitet und da den Kontakt zu den Familien bekommen, mit denen ich zum Teil heute noch arbeite. Dank der langjährigen Beziehungsarbeit mit Familien mit Migrations- und Fluchtgeschichte konnte ich eine gute Vertrauensbasis aufbauen. Mein Beratungsbüro spricht sich innerhalb der Familien rum und die Familien informieren sich gegenseitig über die Möglichkeit unterschiedlichste Hilfen zu erhalten.
Ich habe Konzepte geschrieben und Bedarfe verschriftlicht, um im Jugendamt zu dokumentieren, wie wichtig es ist, dass Eltern ein umfassendes, spezielles und auf sie abgestimmtes Versorgungsangebot erhalten. Erste Erfahrungswerte habe ich im Sozialausschuss vorgestellt. Zum Glück waren alle Mitglieder angetan von der Idee, so wurde einstimmig beschlossen, das gleiche im Migrationsrat und im Finanzausschuss – mit dem Ergebnis, dass 2022 für mich durch den Ratsbeschluss eine Planstelle eingerichtet wurde: Interkulturelle Elternbegleitung.
Wie bin ich vorgegangen? Ich habe im wahrsten Sinne des Wortes „Klinken geputzt“ – an allen Stellen, wo es relevant ist, und immer wieder die Bedarfe deutlich gemacht.
Wir haben uns inzwischen von dem Begriff Elternbegleitung verabschiedet, da der Begriff Begleitung oft irreführend ist. Ich wurde zum Beispiel gefragt, ob ich eine Mutter zur Gynäkologin begleiten kann. Diese Kapazitäten habe ich nicht. Ich bin alleine zuständig für das Arbeitsfeld. Heute heißt die Planstelle Interkulturelle Familienarbeit – das ist näher an Sozialarbeit, und für alle weiteren Institutionen ein gängiger Begriff.
Der Weg dahin war mit viel Engagement verbunden – von der Darstellung von Bedarfen bis zur Vorstellung Ihrer Arbeit im Sozialausschuss. Welche Schritte oder Argumente waren rückblickend besonders entscheidend für diesen Erfolg?
Es gibt viele Familien, die Beratungsbedarf haben, aber nicht erfasst sind. Und es gibt Familien, die nirgends auftauchen. Durch meine Arbeit erreiche ich viele dieser Familien und kann aktiv für Teilhabe sorgen. So bin ich Multiplikatorin für andere Institutionen und Familien gleichermaßen. Ich organisiere Runde Tische zum Beispiel in Schulen und in Kitas, vermittle in Konfliktsituationen u.v.m..
So bin ich ein Bindeglied zwischen Familien und Institutionen, was die Arbeit der Kolleginnen und Kollegen nachweislich erleichtert.
Ich möchte die soziale Teilhabe fördern. Von Kitas höre ich, dass es Angebote gibt, die Eltern nicht wahrnehmen. Wir fragen uns, warum das so ist und entwickeln gemeinsam Ideen und dann steigert sich der Zulauf – alle profitieren voneinander. Die Angebote, die es in Deutschland für Familien gibt, kennen Familien in ihrer Heimat nicht. Ich sensibilisiere Fachkräfte, kultursensibel damit umzugehen.
Ich erlebe Mütter, die Scheu haben, an Kursen teilzunehmen, weil sie Dinge so nicht kennen. Mir ist wichtig, dass sie die Bedeutung von Bildung verstehen und verinnerlichen, dass ich meine Kinder nur unterstützen kann, wenn ich die deutsche Sprache spreche. Empowerment für Mütter ist mir ein großes Anliegen.
Ihre Elternarbeit hat im Bundesprogramm „Kita-Einstieg“ begonnen. Wie hat dieses Programm den Grundstein für Ihre heutige Elternbegleitung in Menden gelegt?
Die Ausbildung zur Elternbegleiterin habe ich während des Bundesprogramms Kita-Einstieg gemacht. Dass ich Elternbegleiterin wurde war ein glücklicher Zufall. Wir waren ein Dreierteam, uns ist die Qualifizierung zur Elternbegleiterin irgendwie begegnet und wir fanden das interessant. Meine Qualifizierung zur Elternbegleitung war eine rundum gelungene Sache. Die Art und Weise, wie ich heute Gespräche führe, wurde uns während der Qualifizierung sehr gut nahegebracht.
Eine Kollegin, mit der ich enger zusammenarbeite, hatte die Qualifizierung Elternbegleitung im Vorfeld schon gemacht. Aktuell bin ich mit ihr die Einzige, die Elternbegleitung eigenständig macht. Wir tauschen uns aus, besinnen uns manchmal darauf, dass wir Elternbegleiterinnen sind und was wir gelernt haben – um aus dem Strudel der Arbeitsbelastung rauszukommen und die Zeit-Ressource gut zu nutzen und in dialogischer Haltung gute Gespräche zu führen.
Wir haben mehrere Elternbegleiterinnen in Menden, die meisten sind in Kitas und haben, wie ich es auch oft im Praxisaustausch höre, keine Zeit für aktive Elternbegleitung.
Teile der Ausbildung Elternbegleitung tauchen immer wieder in meinem Alltag auf: Der Korb mit den Dialoggegenständen steht immer auf meinem Schreibtisch. Menschen nutzen ihn gerne, darin befindet sich ein Mini-Koran, eine Gebetskette, ein Handschmeichler, ein Plüschtier – das ist mal gut gelaunt, mal schlecht. So können Menschen, die nicht gut Deutsch sprechen, ihre Gefühle zum Ausdruck bringen. Das Angebot „Walk und Talk“ mache ich nach wie vor mit den Eltern, aber auch im kollegialen Austausch ist es eine sehr effektive Methode.
Der Bedarf an Elternbegleitung wird in den hohen Beratungs- und Betreuungszahlen deutlich. Wie nutzen Sie „Zahlen, Daten und Fakten“, um die Bedeutung der Elternbegleitung sichtbar zu machen?
Mir war wichtig, von Anfang an meine Arbeit transparent zu machen. Ich führe von Beginn an eine Statistik mit Besucherzahlen, dokumentiere die Themen, stelle das Netzwerk dar. Sie ist bei Bedarf einsehbar innerhalb der Kommune. So haben die Bürgermeisterin und weitere Vorgesetzte Einsicht bekommen und können somit die Entwicklung verfolgen.
Interkulturelle Familienarbeit ist bereits fester Bestandteil der Präventionskette. Ich war angegliedert in der Stabstelle Jugendamt. Anfang des Jahres haben wir innerhalb der Stabstelle ein neues Team gegründet, ich gehöre nun zum Team Familienförderung. Mein Bereich ist Interkulturelle Familienarbeit, die Konzeption wird demnächst öffentlich zugänglich sein.
Ich passe meine Arbeit stets den Bedarfen der Eltern an, aktuell ist der Beratungsbedarf hoch, wenn sich das ändert, wird es wieder mehr Angebote geben. Ich versuche grundsätzlich auf die Bedarfe der Eltern einzugehen.
Der Beratungsbedarf ist nach wie vor hoch, auch wenn einige Familien schon länger in Menden sind. Die Anliegen und Fragen der Eltern beziehen sich auf das gesamte Familienleben. Nach der Integration kommen neue Herausforderungen zum Vorschein. Wichtiger Bestandteil ist die Erst- und Verweisberatung und die Lotsenfunktion. Wir gucken genau, wer gerade was braucht und wo ein passgenaues Angebot besteht.
Viele Fachkräfte wünschen sich ähnliche Strukturen in ihren Kommunen. Welchen Rat würden Sie Kolleginnen geben, die Ressourcen für Elternbegleitung aufbauen oder kommunal verankern möchten?
Ich bin in ganz Menden zuständig für alle Stadtteile. Ich arbeite eng zusammen mit dem Kommunalen Integrationszentrum – das ist zuständig für den gesamten Märkischen Kreis, und mit dem Case Management angegliedert an das Kommunale Integrationszentrum und dem Team Integration von der Stadt Menden. Wenn sie Neuzuweisungen bekommen oder Familien haben, die in ein Betreuungssystem integriert werden sollen, kümmere ich mich darum. So unterstütze ich zum Beispiel die Familien bei der Anmeldung im Kita-Portal der Stadt Menden, fördere den Zugang der Eltern in Sprach- und Integrationskurse etc., ich gehe in die Unterkünfte, mache Hausbesuche, damit keiner durchs Raster fällt aufgrund von Sprachbarrieren oder anderen Hürden.
Das ist ein Kreislauf: Wenn die ganze Familie Zugang zu Bildungssystemen hat, wird sie langfristig gut integriert sein und wenig, bis gar nicht mehr, abhängig sein von Hilfesystemen.
Während meiner Tätigkeit für das Bundesprogramm Kita-Einstieg hatte ich ein Büro in einem Familienzentrum. Heute verfüge ich über ein Standortbüro in der VHS, dort finden Sprach- und Integrationskurse statt. Der Beratungsbedarf von geflüchteten Familien ist weit höher als das, was angeboten wurde (Aufenthaltstitel, Jobcenter, Leistungen). Insbesondere der Bedarf an Bildung und Familie im Allgemeinen ist hoch.
Das Standortbüro war unabhängig vom Bundesprogramm Kita-Einstieg und da bin ich heute immer noch, mitten in der VHS in Menden. Alle Kursteilnehmenden können mein Büro niederschwellig aufsuchen. Ich biete eine täglich offene Sprechstunde für die ca. 300 Personen an, aber auch alle anderen Familien aus den gesamten Mendener Stadtteilen können das Beratungsangebot nutzen, da ist eine Menge zu tun.
Fazit und Ausblick
Manchmal muss man wirklich hartnäckig sein und für die Belange der Familien eintreten und denen eine Stimme geben, die keine haben.
In Menden findet dieses Jahr im Mai die Lange Nacht der Kulturen statt. In meiner Freizeit fotografiere ich, einige Bilder meiner Klientinnen und Klienten werden in der Langen Nacht der Kulturen in einer Ausstellung zu sehen sein.
Informationen zur Stabstelle Interkulturelle Familienarbeit finden Sie hier.
Das Gespräch führte Julia Hartwig-Selmeier von der Servicestelle ElternChanceN.