Monika Hofmann

Elternbegleitung im kommunalen Netzwerk

Monika Hofmann ist Dipl. Sozialpädagogin (FH) und Generationenmanagerin und arbeitet seit 2014 beim Diakonischen Werk Schweinfurt e.V. als Koordinatorin der Elternbegleitung und des Mehrgenerationenhauses. Sie ist qualifizierte Elternbegleiterin und wirkte aktiv mit bei der Entwicklung des Netzwerkes Elternbegleitung in ihrer Kommune im Rahmen des Bundesprogramms „Starke Netzwerke Elternbegleitung für geflüchtete Familien“ (2017-2020).

Was war Ihr erster Impuls, ein Netzwerk Elternbegleitung aufzubauen bzw. worin sahen Sie einen Bedarf dafür?

In der Diakonie Schweinfurt entwickelte sich 2015 ein Netzwerk für geflüchtete Menschen - Beratung für Asylsuchende, Wohnungsbörse, Behördenbegleitung, Sprachkurse und Begegnungscafés. Das Bundesmodellprogramm „Starke Netzwerke Elternbegleitung für geflüchtete Familien“ hat deutlich gemacht, dass das Netzwerk über „den eigenen Kirchturm“ hinausgehen muss. So kam das Evangelische Bildungswerk mit seinen PEKiP- und Spielgruppen dazu; auch Fachkräfte aus einer Sprachkita brachten ihre Erfahrungen mit ein, eine Grundschule wurde Kooperationspartnerin, Angebote von ELTERNTALK und Leseclub bereicherten ebenso unsere Arbeit. Die Familien selbst haben die passgenauen Angebote mitgeformt. Elternbegleiterinnen haben einerseits über Hausbesuche und Begegnungsangebote von den Bedarfen der Familien erfahren, andererseits wurden von Behörden, Kitas und Schulen, Kinderärzt:innen und Förderstellen verschiedene Anforderungen an die Familien gestellt. Dies in Einklang zu bringen, zum Wohl der Kinder in der Familie, ist die Herausforderung, die nur im Netzwerk bewältigt werden kann. Um ein Kind zu erziehen, braucht es ein ganzes Dorf. Um benachteiligte Familien die Chance auf Teilhabe zu geben, braucht es ein funktionierendes Netzwerk.

Seit wann arbeitet das Netzwerk Elternbegleitung in Ihrer Kommune und wie viele Netzwerkpartner gibt es bereits?

Es gibt Vernetzungstreffen zum Informationsaustausch mit vielen Anlaufstellen für Familien im Rahmen der Frühen Hilfen und des Amtes für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten; ein Netzwerk, das sich an den Bedarfen der Familien orientiert und wirksame Elternbegleitung ermöglicht kam durch die Elternbegleiterinnen im Bundesmodellprogramm in einer begrenzten Region zustande. Hier waren in den Räumen der Kirchengemeinde mit funktionierenden Begegnungscafés, in engem Kontakt mit Kitas und Schulen und dem breiten Angebot der Diakonie (Beratung, ehrenamtliche Sprachkurse, Verbraucherbildung, Energieberatung, Alleinerziehendentreff u.a.) Schritte möglich, Eltern zu begleiten, zu bilden, zu beraten, aber vor allem auch zu beteiligen. Auf Initiative des Amtes für Jugend und Familie wurde ELTERNTALK ins Leben gerufen – hier sind über 50 % Frauen mit Migrationshintergrund Moderatorinnen geworden; Erwachsene mit unterschiedlichsten Herkunftssprachen wurden zu Sprach- und Kulturmittler:innen ausgebildet. Familien mit besonderem Unterstützungsbedarf wurden auch in Pandemiezeiten durch das Netzwerk aus Nachbarschaftshilfe, Mehrgenerationenhaus und Kirchengemeinden begleitet und so eine digitale Infrastruktur für Familien in Kooperation mit der Schule aufgebaut – WLAN eingerichtet, Drucker besorgt, Homeschooling begleitet, Hausaufgabenhilfe online durchgeführt, Einkaufshilfe organisiert. Die Netzwerkpartner verändern sich bei jeder Familie und bei jedem Kind. Mal ist es die Kita, das Jugendamt und die Nachbarin; mal ist es die Kinderärztin, die Frühförderstelle und die Schule; mal ist es der Fußballverein, der Hort und die Mitarbeiterin im Leseclub – aber immer ist die Elternbegleiterin im Netzwerk, organisiert, vermittelt, erinnert, reflektiert, ermuntert, begleitet.

Was war die größte Hürde bei der Etablierung des Netzwerkes Elternbegleitung und wie konnten Sie diese überwinden?

Es gibt eine Vielzahl an Projektausschreibungen und Fördermitteln. Unterschiedliche Institutionen und Verbände bieten Projekte an, ohne einen unmittelbaren Zugang zur Zielgruppe zu haben. Die Finanzierung von Projekten ist oft für den Anschub einer Unterstützungsmaßnahme gedacht, bedeutet aber keine verstetigte Finanzierung, die für eine verlässliche Personalplanung notwendig wäre. Elternbegleitung ist oft „Feuerwehr“ und wird dann tätig, wenn Probleme in der Kita oder Schule auftauchen; die Ressourcen für präventive Maßnahmen fehlen. Der Fachkräftemangel und fehlende Planstellen führen dazu, dass Eltern nicht die Begleitung erhalten, die sie brauchen. Die Familienhebamme fehlt, der sozialpsychiatrische Dienst hierfür fehlt, der Schule fehlt Personal und die Mittel adäquate und individuelle Unterstützung anbieten zu können. Oft brauchen die Familien gerade für die kleinen Schritte konsequente Begleitung. Hierfür wurde mit dem Evangelischen Bildungswerk, den Sozialarbeiterinnen der Diakonie in der Migrations- und Flüchtlingsberatung und der Integrationslotsin eine Qualifizierungsmaßnahme zu regionalen Elternbegleiter:innen entwickelt, die auch semiprofessionelle Kräfte zur Elternbegleitung im jeweiligen Sozialraum befähigt. In Kooperation mit dem Jugendamt ist ein Einsatz für einzelne Begleitungsaufträge in Verbindung mit der zertifizierten Elternbegleiterin vor Ort geplant.
Während der Pandemie wurde der Aufbau einer digitalen Infrastruktur eine Herausforderung. Für die große Hürde „Datenschutz“ gibt es nach wie vor keine Lösung.

Welche Angebote für Familien bietet das Netzwerk Elternbegleitung des Diakonischen Werkes Schweinfurt und wie und wo erreichen Sie Eltern?

Gochsheim gehört zum Beispiel zu den Gemeinden, die – vom Jugendamt finanziert – Elternbegleiterinnen vor Ort hat. Sie halten Kontakt zu allen beteiligten Akteuren. Der Bürgermeister ist eingebunden, der Gemeinderat informiert. Die Kirchengemeinde stellt die Räume zur Verfügung. Die Diakonie ist mit der Beratungsstelle vor Ort und organisiert hier mit engagierten Freiwilligen Begegnungscafé, Leseclub, ELTERNTALK, Sprachkurse. Beide Kitas, Hort und Schule kennen die Elternbegleiterinnen und nehmen Kontakt auf. Die Schwangerenberatungsstelle hält Infoveranstaltungen, der Verbraucherstützpunkt Vorträge, die Künstlerin leitet ein Kreativprojekt an. Ausgestellt wird in Apotheken, Banken und Sparkassen und in der Gemeinde. Die Elternbegleiterin lädt ein, pflegt die Facebook-Seite, schreibt Erinnerungen und schaut zuhause vorbei. So sind alle Eltern im Blick. Für die präventive Arbeit fehlt noch die Zielgruppe der werdenden Eltern – vielleicht entsteht hier noch ein Projekt mit dem Gesundheitsamt.

Wie bleibt Ihr Netzwerk Elternbegleitung „lebendig“ und was macht es besonders? Gibt es Bestrebungen und Potenzial, das Netzwerk stetig mit weiteren Partnern auszubauen?

„Lebendig“ in Anführungszeichen bleibt das Netzwerk, weil wir am Jahresende oft nicht wissen, ob es weiter geht. Eine Finanzierung für 3 Jahre, eine Finanzierung für 2 Jahre. Wir nutzen viele Gelegenheiten, die Bedeutung der Elternbegleitung und ihre Koordination zu kommunizieren. Bei den Beteiligten selbst und bei den Anlaufstellen von Familien ist die Bedeutung der Elternbegleitung deutlich sichtbar. Ein weiterer Ausbau gerade mit dem Gesundheitsamt in Sachen Prävention ist wünschenswert und möglich. Hierzu muss die Finanzierung der Arbeit der Elternbegleiter:innen gesichert sein.

Welche Tipps können Sie anderen Elternbegleiterinnen und Elternbegleitern für eine gelingende (Weiter)Entwicklung des Netzwerks Elternbegleitung vor Ort weitergeben?

Mein Tipp für alle Entscheidungsträger: Investieren Sie viel Geld in die Arbeit von Elternbegleiter:innen. Es ist belegt, dass sich die Kosten der Jugendhilfe verringern, wenn frühe Begleitung ermöglicht wurde. Mein Tipp für Anlaufstellen für Familien: Fragen Sie nach, was Eltern brauchen und wo sie beteiligt werden können, damit sie aus ihrer passiven Rolle herauskommen und ihre eigenen Ressourcen entdecken und nutzen können. Mein Tipp an alle im Netzwerk beteiligten Akteur:innen: Es braucht ein ganzes Dorf, um ein Kind zu erziehen. Also braucht es ein gutes Netzwerk, um wirksame Elternbegleitung zu ermöglichen. Also lassen Sie uns dranbleiben und die Schätze der Kinder und Eltern zu heben.

 

 

 

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